Veröffentlichungen
Der Kalender "Originale 2026"
Die Originale-Veranstaltungen führten in den Jahren 2024 und 2025 über die saarländische Grenze hinweg nach Lothringen. Dabei wurde vor allem Verbindendes entdeckt: Unsere gemeinsame Geschichte trotzt nationalen Trennungslinien, ihnen standen und stehen gemeinsame Arbeitswelten und gemeinsames Kulturerbe gegenüber. Manches, das in Saarbrücken verlorenging, ist beispielsweise an anderer Stelle ähnlich und eng verwandt noch aufzufinden. Am Lauf von Blies und Saar lassen sich die Kriegsverluste an Bausubstanz der saarländischen Metropole unschwer vor Augen stellen. Umgekehrt wird das Besondere der Saarbrücker Architektur in den Formen und Dimensionen von Stadtschloss und Ludwigskirche umso deutlicher. Unsere Perspektive schärft sich eben, wenn Distanz und Nähe einander abwechseln.
Die Saar und der Saarkanal bieten sich als Leitfaden und Orientierung auch für diesen Kalender an, der lose an die Besichtigungen in der Gruppe anknüpft und zusätzliche Anregungen für eigene Expeditionen in die Nachbarschaft geben möchte. Unsere Fahrtziele reichten flussaufwärts bis Sarre-Union (ehemals Bockenheim und Neu-Saarwerden). Die Bockenheimer Georgskirche ist die älteste Kirche der Stadt, gotisch mit einigen Umbauten aus späterer Zeit. Spannend sind die rätselhaften kleinen Maßwerk-Reliefs im Inneren, wir zeigen hier die schönen Chorfenster mit der St. Georgsgeschichte von 1972. Weidesheim liegt nördlich, zwischen dem lothringischen Herbitzheim und Wittring. Der Ort ist in den Zeitläuften weitgehend untergegangen, Höfe und Feudalsitze gibt es jedoch immer noch und auch die Reste einer Kapelle, deren Inneres Wolfgang Niesen uns zeigt. Ursprünglich befand sich hier ein gallorömisches Quellheiligtum, wovon noch Götterbilder zeugen, die als „Spolien“ in die Chorwand eingearbeitet wurden. Die Kirchen von Saargemünd bleiben diesmal ohne Bild, die pittoreske Kanalschleuse mitten in der Stadt verdient genauso einen Abstecher (gerade sind die Spuren des Pfingsthochwassers 2024 beseitigt worden). Vom Wohlstand der Stadt im 18. Jahrhundert zeugt noch die Rue d’Or, die dank der Verkehrsberuhigung zu gemütlicher Besichtigung einlädt. Im nahe gelegenen Grosbliederstroff zählt die große Kirche Saint-Innocent zu den Sehenswürdigkeiten, dank ihrer Barockausstattung. Sie ist seit Jahren nur selten geöffnet, anders als die kleine Kapelle am Kreisel der Hauptstraße. Äußerlich schmucklos zeigen sich die Holzskulpturen im Inneren dem Barock verpflichtet, der im ländlichen Lothringen noch um 1800 vorherrscht.
Von der Saar wenden wir uns nun ab nach Westen, erreichen so über Alsting und Spicheren Stiringen, das im 19. Jahrhundert insbesondere durch die Familie de Wendel gefördert wurde und fortan Stiring-Wendel heißt. Die Siedlungshäuser und den alten Förderturm Sainte-Marthe haben die Teilnehmer des Kurses bestimmt noch in Erinnerung; die Siège Simon in Forbach konnten wir dagegen nicht besichtigen: Es handelt sich um eine der modernsten Steinkohlegruben vom Beginn des 20. Jahrunderts, durchaus vergleichbar mit Welterbestätten im Ruhrgebiet. Unser Fotograf zeigt die riesige, heute geleerte Maschinenhalle im morbiden Charme eines ‚Lost Place‘ mit gleichwohl erhabener Ästhetik. Wesentlich kleiner sind die Anlagen auf dem nächsten Kalenderblatt: Es handelt sich um die Pferdeställe der Grube Saint-Charles in Petite-Rosselle, ebenfalls gegen 1900 errichtet. Grubenpferde galten in dieser Zeit vielerorts noch als unersetzlich, in dieser Écurie, die wie ein kleines Barockschloss mit Ehrenhof angelegt ist, wurden sie versorgt - ein so unschätzbareres wie unscheinbares Dokument regionaler Bergbauvergangenheit. Etwas südlich davon führen die Straßenschilder zum Museum „La Mine“, dem gewaltigen Komplex des Carreau Wendel. Hier wird die Geschichte des lothringischen Steinkohlenbergbaus aufwändig visualisiert, das Bestehende konserviert und erläutert, zu verstehen ist das Ganze als ein Pendant zur Völklinger Hütte. Das Foto erschließt die Anlage über die ehemaligen Bahnanlagen hinweg: Es ist beinahe wie ein Landschaftsgarten-Idyll, wo man antike Ruinen nachbaute; an deren Stelle treten nun Fördergerüste und Kohlenwäsche.
Kohle und Stahl waren wesentlich für unsere Region, aber es gab noch viel mehr Industrie und Handwerk: Von den zahllosen Glashütten ist kaum etwas geblieben (zum Glück sorgen Privatsammler für den Erhalt der Produkte), auf ihre Häufigkeit weisen bisweilen die Straßennamen hin. Auch die lothringische Ziegelproduktion war vorübergehend von großer Bedeutung – und dann gab es noch die Papierwarenindustrie, die hier untrennbar mit dem Namen der aus Ensheim stammenden Familie Adt verbunden ist. Sie produzierten unter anderem in Forbach und dort „residierten“ sie auch standesgemäß: Adt’s Schlösschen dient heute der Musikakademie, die alte Burg verdankt ihren Turm von 1888 den Adts, etwas unterhalb davon liegt der schmucke Burghof, an den sich bis 1919 ein Gestüt anschloss (heute Tagungszentrum, daneben das Fußballstadion).
Wer von Merlebach die Rue de L‘Hôpital nimmt, der kommt an mehreren äußerst prägnanten Fördergerüsten vorbei: Hier lag eines der größten Kohlevorkommen im lothringischen Revier, abgebaut wurde vornehmlich erst nach dem 1. Weltkrieg. Der Name Sainte-Fontaine verweist auf viel ältere Traditionen, von denen sonst keine Spuren mehr existieren. Ein Einschnitt der besonderen Art lässt sich dagegen anschauen, es handelt sich um einen Steinbruch (Carrière) bzw. eine Sandgrube am nordwestlichen Rand von Freyming-Merlebach. Der Sand eignete sich vorzüglich zum Verfüllen der Stollen nach dem Ausbeuten der Kohle – eine ungeheure Menge Material ist hier bis ins Jahr 2000 entnommen wurden, so dass ein Canyon mitsamt Steilhang entlang der heutigen saarländischen Grenze entstanden ist. Dieser von Menschenhand erzeugte Canyon entspricht damit zumindest einem kleinen Teil dessen, was untertage abgebaut wurde, auch dies ist eine Visualisierung! Wandern und Radfahren lässt sich hier prächtig, endemische Tier- und Pflanzenarten haben sich angesiedelt, das Wasser – ehemals befand sich hier wohl die besagte Heilquelle - ist wieder voller Leben.
So geht unsere Reise im Auf und Ab der Saar, von Mittelalter und Früher Neuzeit zur Blüte und zum Untergang der Industrialisierung. Am Ende verheißt ein Steinbruch die „Vergessene Welt“, das verlorene und doch auch ein wiedergefundenes Paradies.
Bernhard Wehlen
Ausstellungen und Kataloge:
„Zeppeline an der Saar“ gemeinsam mit Klaus Holländer und Jürgen Bleibler, Dillingen 1998
„KunstOrt Anatomie: Künstler auf Visite“ gemeinsam mit Andreas Beyer und Klaus Holländer, Homburg/Saar 2002
Mitarbeit an diversen weiteren Publikationen
Broschürenreihe "Originale"
Band 6 "Landgericht Saarbreücken" gemeinsam mit Wolfgang Niesen, foto117.de
Band 1 "St.. Mauritius in Alt-Saarbrücken" gemeinsam mit Wolfgang Niesen, foto117.de
Band 2 "Originale in Saarbrücken" gemeinsam mit Wolfgang Niesen, foto117.de
Band 3 "Originale in Saarbrücken" gemeinsam mit Wolfgang Niesen, foto117.de
Band 4 "Originale in Saarbrücken 2019" gemeinsam mit Wolfgang Niesen, foto117.de
Band 5 "Originale im Landkreis Saarlouis" gemeinsam mit Wolfgang Niesen, foto117.de





